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Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim

Podiumsdiskussion im MARCHIVUM

2026-09-23|Rückblick|Zum Abschluss der Sonderausstellung „Verstrickt. Kolonialismus und Mannheim“ diskutierten am 23. September Bürgermeister Thorsten Riehle, Nicole Amoussou (Black Academy), Harald Stockert (MARCHIVUM) und Margarete Würstlin (AK Kolonialgeschichte) was in Bewegung gekommen ist und was weiter getan werden sollte, um die Stadt zu dekolonisieren. Annette Lennartz moderierte.

Der Bürgermeister für Soziales, Wirtschaft und Kultur Thorsten Riehle erinnerte an die vorangegangenen Mannheimer Debatten zur Kolonialgeschichte. Die Diskussion um die Sarotti-Werbefigur im Capitol, der Prozess der Straßenumbenennung in Rheinau-Süd, die Auseinandersetzung über die Erinnerung an Theodor Seitz in Seckenheim und schließlich die Ausstellung im MARCHIVUM hätten bewusst gemacht, dass Kolonialismus ein Teil der Mannheimer Geschichte ist, der bis heute nachwirkt. Er habe verstanden, dass sich ein Teil der Mannheimer:innen durch koloniale Bilder, Worte, Schilder und Straßennamen verletzt fühle, ein anderer Teil aber nicht bereit sei, sich von „liebgewordenen Traditionen“ zu trennen. Harald Stockert, Leiter des MARCHIVUM, beschrieb eine neue Entwicklung: Mit der Ausstellung habe man begonnen, auch die „Schattenseiten“ der bisher als „Lichtgestalten“ gefeierten Mannheimer Gründer, Erfinder und Wohltäter darzustellen. Vorher, so betont die Vertreterin des Arbeitskreis Kolonialgeschichte Margarete Würstlin, habe in den Mannheimer Geschichtsbüchern und Ausstellungen Kolonialismus einfach nicht stattgefunden - und auch über die geraubten Kulturgüter in den Reiss-Engelhorn-Museen sei lange nicht gesprochen worden.

Nicole Amoussou, Vertreterin der Black Academy, brachte ihre Expertise zu Kolonialismus und Rassismus ein: Sie betonte, dass das koloniale Erbe bis in die Gegenwart reicht: „An unserem Reichtum und an unseren Händen klebt auch das Blut der Menschen, die im Kolonialismus ermordet und ausgebeutet wurden.“ Die Verantwortung für den Umgang mit diesem Erbe lasse sich nicht allein in die Vergangenheit verschieben. In Anlehnung an Aimé Césaire erinnerte sie daran, wie der Kolonialismus Kulturen, Sprachen und die Würde kolonisierter Menschen angegriffen und zerstört habe. Entscheidend sei, was wir heute tun, damit sich koloniale Denkweisen und Ungleichheiten nicht weiter fortsetzen. Sie sprach von einer kollektiven Amnesie im Umgang mit der Kolonialgeschichte. In Europa wie auch in ehemals kolonisierten Ländern müsse über diese Geschichte und ihre Folgen gesprochen werden, allerdings aus unterschiedlichen historischen Perspektiven. Die Ausstellung leiste dazu einen wichtigen Beitrag.

Besucher:innen der Ausstellung hätten sich immer wieder gefragt, wie es dazu kam, dass die meisten Menschen in Mannheim den Kolonialismus ausgeblendet, akzeptiert oder sogar gefeiert haben, erinnerte die Moderatorin Annette Lennartz. Tausende hätten die Völkerschau beim Stadtjubiläum 1907 besucht. Kolonialwaren wurden gekauft, abwertende Darstellungen kolonialisierter Menschen hingenommen. War es für die Bürgerschaft so verlockend, selbst vom Kolonialismus zu profitieren und sich der „überlegenen Rasse der Weißen“ zuzuordnen, dass sie Grundsätze der Menschlichkeit aufgab? Harald Stockert hielt dagegen, dass es in der SPD und sogar in Missionskreisen durchaus Kritik an Kolonialherrschaft und Kolonialverbrechen gegeben habe.

Zur Situation heute verwies Margarete Würstlin auf das Weiterbestehen kolonialer Strukturen z.B. in der Beziehung zwischen Deutschland und Namibia, wo es um grünen Wasserstoff für Deutschland und die Förderung von Phosphaten aus dem Meer gehe, also immer noch um die Ausbeutung namibischer Ressourcen für den Export. Nicole Amoussou betonte, dass Rassismus auch heute der Rechtfertigung von Hierarchien und Ausbeutung diene. Nur wenn andere Bilder, Begriffe und Erzählungen in Umlauf kämen, könne sich etwas ändern. Strukturen würden von Menschen geschaffen und könnten verändert werden. Das habe beispielsweise die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung gezeigt: Rosa Parks’ Widerstand gegen die rassistische Segregation und der Montgomery-Busboykott ab 1955 hätten dazu beigetragen, gesellschaftliche Strukturen zu verändern. Auch die Praxis des Racial Profiling in Mannheim könne verändert werden. Die Stadt könne Maßnahmen entwickeln, um Racial Profiling entgegenzuwirken und die Teilhabe und Sichtbarkeit Schwarzer Menschen und von Menschen mit Migrationsgeschichte im öffentlichen Leben zu stärken. Damit könne Mannheim auch für andere Städte ein Beispiel sein.  Der Bürgermeister bekräftigte: „Wir müssen Diskussionen einfordern“. In Mannheim lebten Menschen aus 170 Ländern. Dennoch bestünden Rassismus und Ressentiments fort; zudem seien Menschen mit Migrationsgeschichte bei öffentlichen Debatten und Entscheidungen noch zu wenig vertreten. Amoussou wies darauf hin, dass viele Menschen mit Migrationsgeschichte im Alltag mit Hürden konfrontiert seien, die ihre gesellschaftliche und politische Teilhabe erschweren. Diese Hürden müssten abgebaut werden, damit sie ihre Perspektiven einbringen und ihre Geschichten selbst erzählen können. Das MARCHIVUM werde die kolonialen Verstrickungen weiter zum Thema machen, versprach dessen Leiter. Neben der Online-Verfügbarkeit der Ausstellung werde es weitere Vorträge und Podiumsdiskussionen geben.

Die Reiss-Engelhorn-Museen haben mit dem Projekt „Challenge (the) Museum“ begonnen, sich zu öffnen. Über 50 Personen haben an den ersten Workshops teilgenommen und das Projekt wird fortgesetzt.

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